Kinder im Frauenhaus

Im Rahmen der Studie wird die Situation von Kindern in mehreren Häusern erfaßt. Auf dieser Grundlage wird ein Katalog spezieller Hilfen - i.w.S. pädagogischer Hilfen - zusammengestellt, die für Kinder im Frauenhaus bzw. in der Nachbetreuung notwendig und möglich sind. Einige dieser Hilfen werden in der Modellphase erprobt.

Gegenstand der Untersuchung

Für Betroffene von Mißbrauch, familialer Gewalt bzw. Gewalt im sozialen Nahraum gibt es in Bayern inzwischen flächendeckend Einrichtungen, die sich auf die Unterstützung von Frauen und Mädchen spezialisiert haben, so insgesamt 36 Frauenhäuser und 38 Frauen- und Mädchennotrufe u.a.

Der Zunahme von Frauenhäusern zur Unterstützung von Frauen und Müttern mit familialen Gewalterfahrungen entspricht auch eine vermehrte Aufnahme von Kindern in Frauenhäusern. Diese Kinder haben meist als Opfer selbst Gewalt erfahren; nicht minder gravierend sind die Auswirkungen, wenn Kinder über einen längeren Zeitraum Zeugen häuslicher Gewalt (secondary victims) werden. In amerikanischen Studien [P. G. Jaffe, D. A. Wolfe & S. K. Wilson (1990), Children of Battered Women (Beverly Hills). S. 32-54] wurde festgestellt, daß Kinder mit Gewalterfahrungen an unterschiedlichen Entwicklungsstörungen und Anpassungsproblemen leiden, die sich im Verhalten, im Gefühls- und/oder im kognitiven Bereich zeigen.

Mit der Aufnahme von Kindern sind Frauenhäuser vor die Herausforderung gestellt, nicht nur Müttern, sondern auch Kindern mit Gewalterfahrungen angemessen beizustehen. Sie benötigen fundierte Arbeitsgrundlagen, zu denen die Ergebnisse der Studie mit anschließender Modellphase beitragen sollen.

Im einzelnen geht es zunächst darum zu ermitteln, wie Kinder den Aufenthalt im Frauenhaus erleben. Besonderes Augenmerk gilt auch kindlichen Bewältigungsstrategien und den von den Kindern als besonders hilfreich erfahrenen bzw. von ihnen vermißten Angeboten der Einrichtungen.

Im Rahmen der Studie "Kinder im Frauenhaus" wurde die Lage von Kindern in 4 Häusern (Bamberg, München, Neu-Ulm, Schweinfurt) sowie z.T. auch in anderen Orten erfaßt. Es wurden 73 Interviews anhand von Interviewleitfäden durchgeführt und qualitativ ausgewertet. Befragt wurden: Leiterinnen, pädagogische Mitarbeiterinnen in der Kinderarbeit, Mütter und Kinder in den Einrichtungen und nach Auszug, ferner ExpertInnen aus verschiedenen Berufsfeldern (z.B. Sozialdienst, Jugendamt, Hort, Schule, Beratungsstellen, Anwaltspraxis u.a.).

Darüber hinaus wurden alle Frauenhäuser in Bayern um schriftliche Informationen gebeten. Eine weitere Ergebnissicherung erfolgte im Rahmen eines Auswertungsgesprächs unter Beteiligung weiterer 23 Leiterinnen/Mitarbeiterinnen aus 18 bayerischen Frauenhäusern.

Fast alle der 26 befragten Kinder/Jugendlichen im Alter von 4 bis 14 Jahren stammen aus Familien mit beiden Elternteilen und einer nichtberufstätigen Mutter. Die Sicht der Kinder wurde zu folgenden Bereichen erfaßt:

  • Wie wurde das Kind auf den FH-Aufenthalt vorbereitet, und was ist seine grundsätzliche Einstellung in Bezug auf Frauenhäuser?
  • Wie schätzt es die Betreuungsangebote im FH ein?
  • Was vermissen Kinder im FH besonders?
  • Wie sieht der Kontakt zum Vater und die Qualität dieser Beziehung aus?
  • Gibt es noch Kontakte zum früheren Umfeld?
  • Wie sieht das Selbstbild des Kindes aus?
  • Welche Belastungen und Sorgen erlebt es im FH?
  • Was sind seine Bewältigungsmuster?
  • Welche Wünsche haben die Kinder für die Allgemeinheit, die Familie und sich selbst?

Beim Einzug in das Frauenhaus empfindet kaum ein Kind positive Gefühle. Trotzdem befürworten fast alle Kinder Frauenhäuser als Einrichtung zum Schutz von Frauen. Die Spiel-/Freizeitmöglichkeiten werden nur von 5 Kindern als ausreichend eingestuft. Neben dem Bedürfnis nach Bewegung fällt der Wunsch nach neuen positiven Erfahrungen (Ausflüge, Fahrradtouren, gemeinsam etwas machen usw.) auf. Daneben gibt es 51 Nennungen, was Kinder im FH nicht mögen (Einschränkung des persönlichen Freiraums, immer Rücksicht nehmen müssen auf Jüngere, rücksichtsloses Verhalten von Mitbewohnerinnen usw.). Etwa 1/3 der Kinder macht sich derzeit keine Sorgen; die anderen nennen z.B. die Krankheit eines Angehörigen, Streitigkeiten/Ärger mit anderen Kindern im Frauenhaus oder verschiedene existentielle Sorgen (z.B. die Befürchtung, keine Wohnung zu finden). Die Kinder sollten auch beschreiben, was ihnen am meisten hilft, mit Ängsten und Sorgen umzugehen. Die meisten erleben äußere Ereignisse als hilfreich und zwar neue Aktivitäten. Für einen Teil der Kinder ist es wichtig, Gespräche mit Bezugspersonen zu führen oder innere Strategien anzuwenden wie Lesen, Musik Hören, Selbstgespräche führen oder die Konzentration auf die Schule.

Fazit: Hinsichtlich praxisrelevanter Konsequenzen wurde immer wieder die mangelhafte finanzielle und personelle Ausstattung der Frauenhäuser festgestellt.

Für den "Kinderbereich" ist meist kein Etat vorhanden. Die Mitarbeiterinnen geraten leicht in Dilemmata: Haben ihre Beratungsbemühungen Erfolg, kann ein Rückgang der ohnedies zu dichten Belegung die Folge sein, was wiederum zum Stellenabbau führt, wodurch z.B. die zunehmend wichtiger gewordene Nachbetreuung personell nicht mehr geleistet werden kann.

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Projektinfo

Verbundprojekt mit dem Forschungsschwerpunkt Familienforschung der Universität Bamberg, gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit

Laufzeit: 11/1995 bis 09/1997

Projektleitung: Prof. Dr. em. Herbert Selg, Lehrstuhl Psychologie I, Universität Bamberg

Projektbearbeitung: Dipl.-Päd. Irma Bingel

Veröffentlichungen

Irma Bingel/Herbert Selg: Kinder im Frauenhaus. Bamberg: Staatsinstitut für Familienforschung, ifb-Forschungsbericht Nr. 3.