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Forschung


Schwerpunkte
Familie im internationalen Vergleich

Zur gesellschaftlichen Situation

Seit Ende der 1960er Jahre befindet sich die Familie in Europa und Nordamerika in einem tiefgreifenden Wandel. Einen besonders umfassenden Einschnitt stellt der deutliche Rückgang der Geburtenrate in westlichen Industrieländern dar: War die Nachkriegszeit noch durch einen Wiederanstieg der nationalen Geburtenraten im Zuge des „Babybooms“ gekennzeichnet, erreicht gegenwärtig kein westlicher Wohlfahrtsstaat mehr die sogenannte „Nettoreproduktionsrate“ von durchschnittlich 2,08 Kindern pro Frau, welche eine stabile nationale Bevölkerung gewährleisten würde.

Im Kontext dieses demographischen Wandels haben sich auch die Familienstrukturen verändert. Insbesondere die Anzahl der Familien mit drei oder vier Kindern hat in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Ländern deutlich abgenommen. Darüber hinaus werden in einer Reihe von modernen westlichen Gesellschaften (etwa Deutschland und den USA) Kinderlose zu einer immer bedeutsameren gesellschaftlichen Gruppe.
International vergleichende Zahlen zeigen zudem, dass die Bedeutung der Ehe als gesellschaftliche und auch Familien konstituierende Institution in den vergangenen Jahrzehnten abgenommen hat. Gegenwärtige Trends deuten auf eine Pluralisierung der Formen des partnerschaftlichen Zusammenlebens hin. In zunehmendem Maße leben zum Beispiel junge Menschen über längere Zeiträume in nichtehelichen Lebensgemeinschaften zusammen. Werden diese im (west)deutschen Kontext meist noch als „Übergangsstadium“ für den Eintritt in eine spätere Ehe verstanden, haben sie sich insbesondere in skandinavischen Ländern als mögliches „Alternativmodell“ zur klassischen Ehe etabliert. Zunehmend verändert hat sich auch die geschlechtsspezifische Rollenverteilung in den Familien. Infolge der Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Frauen im Zuge der Bildungsexpansion, der wachsenden Nachfrage nach Arbeitskräften im expandierenden Dienstleistungssektor sowie der zunehmenden familienpolitischen Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat die Erwerbsbeteiligung von Frauen deutlich zugenommen. Aufgrund der steigenden Unsicherheit von Beschäftigungsverhältnissen kann die materielle Versorgung von Familien heutzutage durch nur ein Erwerbseinkommen nicht ausreichend sichergestellt werden. Die unter anderem daraus resultierende Erwerbstätigkeit beider Ehepartner schafft veränderte Grundlagen für die Verteilung von Erwerbs- und Hausarbeit innerhalb der Familie, die in der Folge neu gestaltet werden muss. Begleitet wird dieser Prozess zudem durch einen bemerkenswerten „Wertewandel“, im Rahmen dessen das „klassische Ernährermodell“ in der öffentlichen Befürwortung zunehmend durch ein „egalitäres Zweiverdienermodell“ abgelöst wird.

Diese Entwicklungsmuster von Familien stellen die nationale Politik vor neue Herausforderungen. Die Gestaltung allgemeiner wohlfahrtsstaatlicher Transfers und Dienstleistungen muss den gewandelten Bedingungen von Familie und Arbeitsmarkt Rechnung tragen. Insbesondere vor dem Hintergrund sinkender Geburtenraten muss es die nationale Arbeitsmarkt- und Familienpolitik anstreben, Familienfreundlichkeit auch in Zeiten sozialen und ökonomischen Wandels sicherzustellen.

Dem deutschen Sozialsystem werden in diesem Zusammenhang vielfach noch Defizite unterstellt. Dabei wird darauf verwiesen, dass die Geburtenrate in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten deutlich unterhalb des statistischen Bestandserhaltungsniveaus lag. Als ein Grund für diese Entwicklung wird in den Medien oft die mangelnde materielle Unterstützung von Familien angesehen, die dazu führe, dass Kinder zum Armutsrisiko werden können. Darüber hinaus kritisieren viele Sozialwissenschaftler(innen) Grundzüge der deutschen Familienpolitik, die Frauen durch das steuerliche Ehegattensplitting, den Mangel an frühkindlichen Betreuungseinrichtungen und die fehlende Flexibilität im Arbeitsleben vielfach die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit erschwere. Ebenso fehlten in Deutschland bislang familienpolitische und betriebliche Anreize für Väter, sich verstärkt bei Hausarbeit und Kinderbetreuung zu engagieren und damit einen größeren Anteil an diesen Tätigkeiten zu übernehmen. Vor diesem Hintergrund bleibt abzuwarten, ob die Veränderungen bei der Inanspruchnahme der Elternzeit (s.o.) einen längerfristigen Trend zu gleichmäßigerem Engagement der Geschlechter in der Familie anzeigen.

In der Diskussion um alternative familienpolitische Strategien zur Verbesserung der Situation bietet ein internationaler Vergleich mit anderen europäischen und nordamerikanischen Ländern wichtige Anhaltspunkte. Das deutsche Modell kann im Rahmen eines solchen Vergleichs den familien- und arbeitsmarktpolitischen Strategien anderer Länder gegenübergestellt werden, denen es gelungen ist, die Geburtenrate auf einem höheren Niveau zu stabilisieren oder auch Kinderarmut effektiver zu bekämpfen. Es ist daher sinnvoll, familien- und arbeitsmarktpolitische Programme anderer Länder zu analysieren und ihre Vorbildfunktion beziehungsweise Übertragbarkeit auf den deutschen Fall kritisch zu hinterfragen.

Forschungstätigkeit

Zu Fragen des internationalen Vergleichs von Familie und ihren spezifischen nationalen Kontextbedingungen werden beziehungsweise wurden zwei mehrjährige Forschungsarbeiten durchgeführt. Im Rahmen des Projektes „Internationaler Vergleich familienpolitischer Leistungen“ wurden die institutionellen und kulturellen Rahmenbedingungen ausgewählter sozialer Sicherungssysteme in Deutschland, Frankreich und Schweden gegenübergestellt und auf ihre differenziellen Konsequenzen für die Lebensbedingungen von Familien hin untersucht. Anhand detaillierter Länderexpertisen wurden sozialrechtliche Strukturen, konkrete familienpolitische Leistungsprofile sowie daraus resultierende Vermögens- und Einkommensverteilungen von Familien in den drei Ländern systematisch miteinander verglichen. Das Projekt „Internationaler Vergleich von demographischem Wandel“ legt den Fokus explizit auf die Entwicklung des Fertilitätsverhaltens in unterschiedlichen modernen Industrienationen. Dabei werden sowohl die institutionellen (Charakteristika des Arbeitsmarktes, familienpolitische Leistungen) als auch die kulturellen Rahmenbedingungen (Einstellungsmuster, Familienleitbilder, Rollenkonzepte) als Einflussfaktoren für die Entwicklung unterschiedlicher Fertilitätsmuster in modernen Gesellschaften untersucht. Im Rahmen dieses Projektes wurde eine internationale Datenbank mit Informationen rund um die Fertilität, Erwerbsbeteiligung und weitere demografische Einflussfaktoren aufgebaut.

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen ist es dem ifb gelungen, Mitglied eines Konsortiums zu werden, welches eine europaweite Plattform für Familienforschung und Familienpolitik entwickelt hat (FAMILYPLATFORM.eu) und sich mit Fragen der zentralen gesellschaftlichen Entwicklungstrends, den damit verbundenen politischen Herausforderungen und dem damit einhergehenden Forschungsbedarf befasst. An dem von der Europäischen Kommission geförderten Projekt beteiligen sich weitere acht wissenschaftliche Einrichtungen verschiedener Nationalitäten sowie drei europäische Familienverbände. Letztere sollen für Praxisnähe sorgen und spezifische Themen aus der Perspektive von Familien einbringen.



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