Aktuelle Projekte
Betreuung von Enkelkindern - eine praxisrelevante Facette
von Generationenbeziehungen, Generationenidentität
und wohlfahrtsstaatlichen Konzepten
Fragestellung und Zielsetzung des Projekts
Die Organisation der Kinderbetreuung ist für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein Schlüsselfaktor. Um Defizite der institutionellen Kinderbetreuung hinsichtlich Verfügbarkeit und Öffnungszeiten abzufangen, ist oft das Engagement der Großeltern erforderlich. Im Mikrozensus 2005 gaben beispielsweise 27,7 % der berufstätigen Mütter an, dass ihre Kinder unter drei Jahren während der Arbeitszeit i.d.R. unentgeltlich von Verwandten, Nachbarn oder Freunden betreut werden. Omas und Opas dürften hier eine zentrale Rolle spielen. Vorteile der Kinderbetreuung durch die Großeltern ergeben sich insbesondere daraus, dass sich diese ohne finanzielle Gegenleistung um ihre Enkel kümmern, dass sie in zeitlicher Hinsicht flexibler sind als Kindertagesstätten, dass sie die Kinderbetreuung mit großer emotionaler Hingabe leisten und für die berufstätigen Eltern in vielen Fällen keine zusätzlichen Wege anfallen, etwa wenn die Großeltern im Haushalt ihrer Kinder die Enkelbetreuung übernehmen oder die Enkel selbst zu sich nach Hause holen. Auch unabhängig von einer Erwerbstätigkeit erleben Eltern es als Entlastung, wenn sich Großeltern an der Kinderbetreuung beteiligen und so der Elterngeneration Freiräume für Erledigungen oder Zeit mit dem Partner verschaffen.
Aus Sicht der Großeltern ist die Betreuung der Enkelkinder nicht nur uneigennützig. Viele Großeltern wollen ihre Enkelkinder aus der Nähe aufwachsen sehen und sie aktiv in ihrer Entwicklung begleiten und verbringen daher gerne und freiwillig Zeit mit ihnen. Enkelbetreuung kann für ältere Menschen durchaus als sinnstiftend und als "Jungbrunnen" erlebt werden und die Lebensqualität und -zufriedenheit erhöhen.
Angesichts der skizzierten Aspekte ist Enkelbetreuung eine wichtige Dimension der innerfamilialen Austauschbeziehungen. Enkelbetreuung ist eine Form instrumenteller Unterstützung, die von Älteren für ihre Kinder geleistet wird, und stellt somit einen bedeutsamen Bestandteil der Generationenbeziehungen dar.
Auf der anderen Seite sind Großmütter heute in den ersten Lebensjahren ihrer Enkel oft selbst noch erwerbstätig und können die Elterngeneration während der üblichen Arbeitszeiten aufgrund eigener Verpflichtungen nicht bei der Kinderbetreuung unterstützen. Parallel zur Zunahme der weiblichen Erwerbsbeteiligung, hat sich das Selbstverständnis der Frauen in den letzten Jahrzehnten gewandelt. So ist vorstellbar, dass jüngere Großmütter ihre Freizeit selbstbestimmt gestalten wollen und die Bereitschaft zur regelmäßigen Enkelbetreuung für sie keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt.
Darüber hinaus kann die Betreuung von Kindern durch ihre Großeltern konfliktbeladen sein, etwa wenn zwischen den Generationen Differenzen über Erziehungsthemen bestehen. Im ungünstigen Fall entsteht so durch die Enkelbetreuung zusätzliches Konfliktpotential zwischen den Generationen.
Die Zielsetzung des geplanten Forschungsprojektes zum Thema Enkelbetreuung umfasst vor diesem Hintergrund im Wesentlichen die folgenden Aspekte:
Zum einen geht es darum, den Forschungsstand zum Thema Enkelbetreuung im internationalen Vergleich zu erfassen und in den eigenen Analysen einen Bezug zu den jeweiligen familienpolitischen Rahmenbedingungen und dem kulturellen Kontext herzustellen. So ist bspw. davon auszugehen, dass Enkelbetreuung in Ländern mit einem gut ausgebauten und qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungssystem weniger stark betrieben wird als in Wohlfahrtsstaaten, in denen Familie und Kindheit als Privatsache betrachtet wird. Auch das Ausmaß der Erwerbsbeteiligung von Müttern und von Frauen der Großelterngeneration dürfte in einem Zusammenhang stehen mit der Häufigkeit, in der Großeltern sich um ihre Enkel kümmern.
Zum anderen zielt das Forschungsprojekt darauf ab, zu ermitteln, welche personen- und familienbezogenen Merkmale Einfluss nehmen auf die Enkelbetreuung. Inwieweit variiert das Ausmaß der Enkelbetreuung z.B. mit der räumlichen Entfernung zwischen Großeltern und Enkeln, dem Bildungsniveau, dem Alter und Geschlecht der Großeltern und Enkel, der finanziellen Lage und dem Gesundheitszustand der Großeltern? Investieren Großeltern eher Zeit in die Enkelbetreuung, wenn sie (noch) in einer Partnerschaft leben oder nach der Verwitwung?
Nicht zuletzt soll auch der Frage nachgegangen werden, welche Auswirkungen die Enkelbetreuung auf die beteiligten Personen und Generationen hat: Steigt die Lebenszufriedenheit der Älteren durch die Beteiligung an der Kinderbetreuung? Kommt es aufgrund von Meinungsunterschieden über Erziehungsthemen zu Konflikten zwischen Großeltern und Eltern?
Projektdesign
Das geplante Forschungsprojekt basiert auf einer gründlichen Literaturrecherche zum bisherigen Forschungsstand. Auf dieser Grundlage werden die theoriegestützten Hypothesen und Analyseebenen für den empirischen Teil spezifiziert. Für Auswertungen zu den oben genannten Fragestellungen werden dann die folgenden Datenquellen herangezogen:
Die ersten beiden Wellen des "Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe" (SHARE) aus den Jahren 2004 und 2006 umfassen neben der Zustimmung zu der Einstellungsebene "Großeltern sollten Eltern bei der Kinderbetreuung helfen, wenn diese noch klein sind" weitere relevante Fragen. Im Eurobarometer 60.3 (Erhebungszeitraum: Nov. 2003 – Jan. 2004) wird die Anzahl der Tage in der Woche, an denen die Großeltern die Kinder betreuen bzw. an denen eine Betreuung eigener Enkelkinder stattfindet, erhoben. Neben diesen international vergleichenden Datenquellen können zusätzlich auf Deutschland begrenzte Studien ausgewertet werden. Der "Alterssurvey – Die zweite Lebenshälfte" (2. Welle, 2002) enthält den zeitlichen Umfang der Betreuung von Enkelkindern und auch im SOEP wird in einigen Wellen nach dem Vorhandensein und der Anzahl von Enkelkindern sowie nach der räumlichen Entfernung zu ihnen gefragt und die Zeit, die für Kinderbetreuung aufgewandt wird, erfasst. Diese unmittelbar auf die Enkelbetreuung bezogenen Variablen können dann jeweils in Beziehung gesetzt werden zu anderen Merkmalen der befragten Personen und zu subjektiven Dimensionen wie der Lebenszufriedenheit.
Projektinfo
Das Projekt wird gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen
Projektbeginn: Herbst 2010
Projektteam: Dr. Tanja Mühling, Dipl.-Soz. Ursula Adam

